Evangelische öffentliche Bücherei

Rezensionen

 

Ursula März - Tante Martl (Piper Verlag, August 2019, 192 Seiten

 

 

Tante Martl, 1925 als dritte Tochter eines Vaters, der sich nur Sohne wünschte, geboren. Sie hatte einen erdenklich schlechter Start ins Leben und wurde sogar eine Woche lang als “Martin” in den Akten des Standesamtes ihres Heimatortes (eine westpfälzische Kleinstadt) geführt. Als Kind musste sie sowohl die Gewaltausbrüche ihres Vaters, als auch das Ausnutzen durch ihre jüngere Schwestern ertragen. Diese Erfahrungen der Ausgrenzung und Missachtung prägen ihr weiteres Leben. Es zeugt von ihrer starken Persönlichkeit, dass sie im Erwachsenenalter sich zu einer unabhängigen, selbstbestimmten, wenn auch etwas schrulligen Frau entwickelt hat. 

Sie wird Lehrerin an einer Volksschule, liest und reist viel, macht den Führerschein und kauft sich ein Auto, was in der Nachkriegszeit für eine alleinstehende Frau ungewöhnlich war. 

Überhaupt ist der erste Roman, der 1957 in Herzogenaurauch geborene Literaturkritikerin Ursula März ein feinsinniges, emphatisches, sogar liebevolles Porträt einer ungewöhnlichen Frau. Geschrieben aus der Sicht ihrer Nichte und Patenkind, spürt man Tante Martls Trauer und ihre Sehnsucht nach Liebe, aber man schmunzelt auch über ihre Direktheit und ihren schwarzen Humor. Die Autorin schafft es aus einer Frau, die in ihrer Familie immer eine Nebenrolle spielte, eine Hauptfigur zu machen, von der man am Ende des Romans traurig Abschied nimmt.  

Ein bewegendes Buch, das lange nachwirkt. Absolute Leseempfehlung! 

 

Claire Wendt