Predigt am 9.6.2013 (2.Sonntag nach Trinitatis)

gehalten in Hangelar

über Epheser 2, 17-22

(Predigtreihe II)

von Pfarrer Hans-Georg Falk

 

Predigt über Epheser 2, 17-22

Vom Gast zum Mitbürger

 

 

Liebe Gemeinde!

Gerade bei der Taufansprache haben wir uns mit dem Bild von dem Haus beschäftigt, Sie erinnern sich: ein Haus aus lauter Menschen, erbaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wo Jesus Christus der Eckstein ist. Dieses Bild stammt aus dem Epheserbrief und steht in der Epistel für den heutigen 2. Sonntag nach Trinitatis.

Ich lese uns also als Predigttext die Epistel aus Epheser 2, 17-22:

17 Jesus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.

18 Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.

19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,

20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,

21 auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.

22 Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

 

Liebe Gemeinde, wie fühlen Sie sich, wenn Sie Gast sind?

Eigentlich ist das doch eine schöne Sache. Denken Sie an Ihren letzten Urlaub, an Ihren letzten Restaurantbesuch – wie haben Sie sich da als Gast gefühlt? Ich hoffe: gut!

Manche Länder sind regelrecht berühmt für ihre Gastfreundschaft. Da fährt man gerne hin. Und die meisten Gastgeberinnen und Gastgeber tun alles ihnen Mögliche, damit sich ihre Gäste bei ihnen wohl fühlen, Geld ausgeben und möglichst auch im nächsten Jahr wieder kommen. Als Gast wird man umsorgt, genießt es, sich mal bedienen und andere für sich arbeiten zu lassen. Das wirkt entspannend und man gönnt sich dann gerne mal etwas, was man sich sonst eher nicht leisten würde. Die Schönheiten einer fremden Landschaft, die Sehenswürdigkeiten einer fremden Kultur - als Gast kann man das viel besser genießen und bestaunen, als wenn man Einheimischer wäre.

Die „schönsten Wochen des Jahres“ (wie sie in der Werbung nicht ganz zu Unrecht heißen) verbringen wir als Gast.

Nun hat der „Gast-Status“ freilich auch eine Kehrseite.

Gast zu sein, das sollte nicht zum Dauerzustand werden. Es gehört zum Wesen des Gast-Seins, dass man früher oder später auch wieder abreist. Ein Gast, der nicht mehr abreist, ist kein Gast mehr, sondern ein Problem. Das weiß der Kneipenwirt, wenn er abends seine Wirtschaft schließen möchte, das weiß eine Gastgeberfamilie, wenn die mehrköpfige Verwandtschaft zu Besuch ist und auch nach einer Woche keine Anstalten macht, wieder abzureisen. Und selbst die Gastgeber aus dem langjährigen Urlaubszuhause sind froh, wenn die Saison zu Ende ist, die letzten Gäste wieder abgereist sind und die Uhren wieder ein wenig langsamer laufen.

Wenn Gäste sich an die Grundregel halten, dass man in angemessener Zeit auch wieder abreist, können Gäste und Gastgeber wunderbar miteinander auskommen.

In den 60er Jahren gab es in Deutschland einen Wirtschaftsboom und so viel Arbeit, dass man Menschen anwarb, um nach Deutschland zu kommen und hier bei der Arbeit zu helfen. „Gastarbeiter“ nannte man sie damals und sie waren zunächst hoch willkommen. Doch die Jahre vergingen, die Gäste holten ihre Familien nach und wurden in Deutschland heimisch – und doch wurden sie keine Einheimischen. Sie blieben Dauergäste und irgendwie auch Fremdlinge – und irgendwann bekamen sie es zu spüren.

30 Jahre vergingen, bis man in Deutschland merkte, dass man die Dauer-Gäste, die man zuerst gerufen hatte, nicht einfach wieder weg schicken konnte. Schließlich hatte man ihnen viel zu verdanken. Schließlich war ihnen nach all den Jahren in Deutschland die alte Heimat fremd geworden.

So merkte man in Deutschland, dass es nicht gut ist, Menschen über Jahre und Jahrzehnte als Gäste und Fremdlinge zu behandeln. Viel zu lange hatte man versäumt, sie zu integrieren, sie unsere Sprache und unsere Lebensart, unsere Kultur und Mentalität verstehen zu lernen. Mit anderen Worten: aus Gästen und Fremdlingen - Mitbürger und Einheimische zu machen.

Heute stehen wir erneut vor einer Welle von jungen Leuten aus Griechenland, Spanien und Portugal, die in ihren Ländern keine Arbeit finden. Viele von ihnen sind in Deutschland hoch willkommen. Wie werden wir mit ihnen umgehen? Haben wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt? Werden wir sie Gäste in unserem Land bleiben lassen oder werden wir sie als Hausgenossen im gemeinsamen Haus behandeln?

Einst haben wir diese Länder und ihre Bewohner eingeladen, Hausgenossen im „Haus Europa“ zu werden. Und es ist uns gut dabei gegangen und wir haben vom Frieden in Zentraleuropa, von der Öffnung der Grenzen, dem freien Handel und nicht zuletzt auch dem gemeinsamen Euro erheblich profitiert. Werden wir uns jetzt als gute Mitbürger erweisen, die in ihrem Haus Frieden halten können, indem wir gerecht und fair miteinander umgehen? Indem wir nicht unkritisch aber solidarisch zueinander sind? Indem wir einander nicht leichtfertig sondern besonnen helfen, wo es nötig ist? Indem wir nicht nur das eigene Wohl sondern das aller Hausbewohner im Blick haben? Indem wir gemeinsam die Probleme erkennen und aufdecken und ansprechen und in den Griff bekommen?

 

Vielleicht fragen Sie sich spätestens an dieser Stelle, warum ich heute so ausführlich über Gastarbeiter und das „Haus Europa“ predige. Ich antworte: Weil wir uns da mitten in unserem Predigttext befinden! Weil sich unser Predigttext als hoch-politisch und (wie ich finde) brand-aktuell erweist.

Sicher, die äußeren Umstände waren vor 2000 Jahren ein wenig anders. Aber bei näherem Hinsehen zeigen sich doch frappierende Parallelen und ich bin sicher, dass die Botschaft des Apostels auch für uns Christen im Europa des Jahres 2013 eine wertvolle und hilfreiche Botschaft ist.

 

Werfen wir einen Blick zurück in neutestamentliche Zeiten:

Damals gab es auf der einen Seite die Stadtbürger. Das waren Bürger im Vollbesitz aller Bürgerrechte. Sie genossen die Annehmlichkeiten der Stadt, in der sie lebten. Und sie hatten auswärts ihre Ländereien, die sie von Verwaltern möglichst ertragreich bewirtschaften ließen. Demgegenüber stand die einfache Landbevölkerung, die die Arbeit machen musste, um zu überleben. Aber sie hatten keineswegs die gleichen Rechte. Im Grunde genommen hatten sie so etwas wie einen „Gastarbeiterstatus“.

Auch im religiösen Bereich gab es eine scharfe Trennunglinie, die sich quer durch die junge christliche Kirche zog: Es war die Trennung zwischen sogenannten „Judenchristen“ und „Heidenchristen“ – letztere waren den ersteren im Ansehen deutlich untergeordnet. Die Judenchristen gehörten doch schon von der Abstammung her zum Volk Gottes, wie ja auch Jesus selbst voll und ganz Jude gewesen war. Die anderen, die „Heidenchristen“, waren doch erst ganz zuletzt dazugekommen und trugen noch nicht einmal das Zeichen der Beschneidung. Und wenn wir uns die jüngste Beschneidungsdiskussion in Deutschland anschauen, können wir erahnen, wie tief damals im Urchristentum der Graben zwischen Juden- und Heidenchristen vermutlich gewesen ist.

Eine kleine Notiz aus der Apostelgeschichte[1] zeigt, wie die strengen Bräuche des Judentums diese zwei-Klassen-Einteilung im Urchristentum verschärften: Als Paulus mal wieder in Jerusalem ist, besucht er als gebürtiger Jude im Kreis der anderen Apostel selbstverständlich den Tempel. Und er nimmt am dortigen Opferkult teil. Plötzlich gibt es Aufruhr: Er wird von einigen jüdischen Pilgern, die aus Kleinasien nach Jerusalem gepilgert sind, wiedererkannt. Diese haben Paulus in Jerusalem zusammen mit Trophimus gesehen. Und von Trophimus weiß man, dass er ein griechischer Heidenchrist aus Ephesus ist. Und nun gibt es einen Aufruhr, weil sie behaupten, Paulus hätte den unbeschnittenen Heidenchristen Trophimus in den Tempel geführt und dadurch den Tempel entweiht. Paulus wird verhaftet und alles weitere können Sie in der Apostelgeschichte ab Kapitel 21 nachlesen.

Hintergrund dieser Auseinandersetzung ist tatsächlich, dass es im Tempel von Jerusalem eine Absperrung gab, die den inneren Tempelbezirk für Heiden sperrte. Soreg (שׂרג) wird diese Absperrung genannt, man könnte das mit „Flechtzaun“ oder „Gitterwerk“ übersetzen. Und daneben gab es eine Warninschrift auf griechisch und lateinisch, die den ἀλλογενής, also den Fremden, den Ausländer, den mit nichtjüdischer Herkunft mit dem Tode bedrohte, wenn er die Absperrung überschritte. Eine deutliche Botschaft: „Als Heide hast du hier keinen Zutritt!“ „Gottes Wohnung ist für dich tabu – Gott selbst für dich nicht zu sprechen!“

Zwei Trennungslinien, eine soziale und eine religiöse, gingen also quer durch die christlichen Gemeinden – die einen blieben im Grunde „Gäste und Fremdlinge“, die anderen waren „Mitbürger und Hausgenossen“. Die einen hatten im Grunde „Bürgerrecht“ und die anderen waren davon ausgeschlossen. Für die einen galt Gottes Bund mit all seinen Verheißungen, die anderen blieben Fremde außerhalb des Bundes. Die einen lebten in der Gegenwart Gottes, die anderen waren ohne Gott in der Welt, wie es ein paar Verse vor unserem Predigttext heißt.[2] Oder anders ausgedrückt: die einen sind die, die fern bleiben. Und die anderen sind die, die nahe sind.

Und genau an dieser Stelle erhebt unser Predigttext Einspruch:

Jesus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.

Mit Jesu Botschaft hat sich etwas Grundlegendes verändert:

Denn durch ihn haben wir alle beide … den Zugang zum Vater.

Das ist das Neue, das Entscheidende, das Jesus bringt: durch ihn haben alle beide, die Nahen und die Fernen, die Fremden und die Einheimischen, die Judenchristen und die Heidenchristen, gleichermaßen Zugang zu Gott dem Vater!

Eine Revolution im Haus der religiösen Traditionen!

Ein Erdbeben im allzu fest gefügten aber immerhin vertrauten Gotteshaus des Alten Testaments.

Durch Christus sind die Fernen zu Nahen geworden!

Die Exklusivität der Gottesnähe, die über Jahrhunderte hindurch fester Bestandteil des alttestamentlichen Glaubens war, sie wird durch Jesus eingerissen. Und es ist, als wenn er die steinernen Tempelmauern einreißen würde. Stattdessen errichtet Jesus ein neues Haus, einen neuen Tempel. Und der hat nun in der Tat ein paar ganz markante Besonderheiten:

1. Die erste Besonderheit: Die neue Wohnung Gottes, die ein genau so „heiliger Tempel“ ist, sie besteht nicht aus toten, kalten Steinen, sondern aus lebendigen Bausteinen, nämlich aus Menschen, eben aus Nahen und auch aus Fernen.

2. Die zweite Besonderheit: Der Mörtel, der diese menschlichen Bausteine zu einem festen Bauwerk zusammen fügt, heißt „Frieden“. Das, was Nahe und Ferne entzweit und getrennt hat, wird durch Gott gekittet und aus zwei Menschen, deren Unterschiede unübersehbar waren, wird durch Jesus „ein neuer Mensch“, der in sich Frieden hat. Gast und Mitbürger, Fremder und Hausgenossen werden ein Herz und eine Seele, miteinander verbunden durch das Band des Friedens.

3. Die dritte Besonderheit: Auch dieser neue Tempel, diese neue Wohnung Gottes, hat ein starkes, doppeltes Fundament: einerseits die Propheten des Alten Testaments, die Gottes Willen erkannt und verkündigt haben ebenso wie andererseits die Apostel des Neuen Testaments, die Jesu Frohe Botschaft allem Volk verkündigen.

4. Die vierte Besonderheit: Es gibt einen Eckstein oder Schlussstein, ohne den das ganze heilige Gebäude zusammenbrechen würde, mehr noch: auf diesem Stein aufgebaut wächst diese Wohnung Gottes unaufhörlich weiter. Und dieser besondere Stein hat einen Namen: Jesus Christus.

5. Zum Schluss eine fünfte Besonderheit: Auch wenn Gottes Privatgemächer den Nahen wie auch den Fernen, also jedem grundsätzlich offen stehen, ist doch nicht zu übersehen, dass sich nicht jeder in dieses Gotteshaus aus lebendigen Menschen, verbunden durch Frieden, einfügen lässt. Es gibt also eine Tür, durch die nicht jeder hindurch geht. Aber Jesus hat uns einen Schlüssel zurück gelassen: seinen Geist.

Durch Jesus haben wir alle beide ( also die Nahen und die Fernen) in einem Geist den Zugang zum Vater.

Der Heilige Geist öffnet uns also die Tür zu Gott. Und er öffnet uns die Tür, um selber lauter kleine Bausteine zu werden für ein Haus aus Menschen, in denen Gott wohnt.

 

Gast zu sein, das kann etwas sehr Schönes sein.

Aber die Wochen, die wir als Gast verbringen, müssen nicht „die schönsten Wochen im Jahr“ sein. Gottes Geist öffnet uns die Tür, Mitbewohner in Gottes Haus zu werden. Und der Friede lässt Nahe und Ferne, Fremde und Einheimische zusammenhalten mit dem Ergebnis: jeden Tag in der Gemeinschaft miteinander und mit Gott das Fest des Lebens zu feiern.

Amen.



[1] Apostelgeschichte 21, 27ff

[2] Epheser 2, 12


Gottesdienste

22. November, 19:00 Uhr:

Ökomenischer Gottesdienst am Buß- und Bettag

gehalten von Pfarrer Falk und Gemeindereferent Alenfelder mit anschließendem gemütlichen Beisammensein

in der katholischen Kirche Sankt Anna

26. November 10:00 Uhr:

Gottesdienst mit Abendmahl am Ewigkeitssonntag

gehalten von Pfarrer Falk

mit Kindergottesdienst

26. November 15:00 Uhr:

Andacht auf dem Friedhof

gehalten von Pfarrer Falk

Foto: Twicepix (flickr)
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