Gottesdienst am 8.5.2016, 10:00 Uhr in Hangelar

71.Jahrestag des Kriegsendes am 8.Mai 1945

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lieder:

289

1-2

Nun lob, mein Seel, den Herren

 

680

1-3

Im Lande der Knechtschaft

 

651

1-4

Freunde, dass der Mandelzweig

 

675

1-4

Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn

 

671

1-3

Unfriede herrscht auf der Erde

 

Lesung

Micha 4, 1-5

Predigttext

Johannes 7,37-39

Predigt,liturgische Leitung

Hans-Georg Falk

 

Begrüßung:

 

Liebe Gemeinde, ich möchte Sie herzlich begrüßen zu diesem Gottesdienst am Sonntag, dem 8. Mai 2016.

 

Er ist in verschiedener Hinsicht ein besonderer Tag.

 

Es ist Muttertag und wir alle sollen durch den heutigen Tag einmal ganz bewusst an den Menschen erinnert werden, der uns zur Welt gebracht hat und dem wir sicherlich besonders viel zu verdanken haben.

 

Doch der 8. Mai ist noch in anderer Hinsicht ein Erinnerungstag. Kein runder Gedenktag und deshalb in den Medien nicht so präsent.

 

Aber da der 8. Mai nicht allzu oft auf einen Sonntag fällt, soll uns dieses Gedenken heute auch an einem „unrunden“ Gedenktag im Gottesdienst bewegen.

 

Einen kleinen Hinweis finden Sie an unserem Konfirmanden-Kreuz. Es zeigt ja das bunte Glaubensleben, so wie es Konfirmanden einmal aufgemalt haben. Heute jedoch habe ich einige dieser Felder weiß überdeckt. Auch wenn uns an einem Frühsommer-Sonnentag wie diesem heute die farbenprächtige Natur umgibt und vom vielfältigen Leben erzählt, gerade da erzählt uns dieser Jahrestag eine ganz andere Geschichte und ermahnt uns damit, das bunte Leben umso dankbarer zu genießen.

 

Ein weiß übertünchtes Kreuz, weil es der Tag der weißen Fahnen war.

 

Genau an einem 8. Mai ging in Deutschland der 2. Weltkrieg zu Ende. Am 8. Mai 1945 begann eine 71-jährige Zeit des Friedens, des Aufbaus und des Wohlstandes.

 

All das möchte ich mit Ihnen vor dem Hintergrund des Sonntags Exaudi bedenken. Sein Thema ist der Heilige Geist, der uns verheißen ist. Gerade der Jahrestag des Kriegsendes erinnert uns an Zeiten, in denen ein anderer Geist unser Land beherrschte, und das gibt unserer Bitte und Gottes guten Geist ein ganz besonderes Gewicht.

 

 

Miteinander stimmen wir nun das Lied an:

 

Nun lob, mein Seel, den Herren“ (EG 289, 1-2)

 

 

Eingangsspruch:

 

 

 

Gedenkt!“

 

So rief es uns einmal der frühere Präses unserer Evangelischen Kirche im Rheinland, Peter Beier, von der Todesmauer in Auschwitz zu:

 

 

 

Gedenkt!

 

Erinnert nicht nur!

 

Erinnerung atmet flach.

 

Gedächtnis atmet tief.

 

Erinnerung spielt sentimental.

 

Gedenken arbeitet schwer

 

und ist ein Werk des Glaubens, der weiß:

 

Vergangenheit ist nie vergangen,

 

Tote sind nicht nur tot.

 

In unserm Haus wohnt das Gestern

 

und unsere Zukunft braucht ein langes Gedächtnis.

 

 

 

(leicht veränderter Textausschnitt aus der Ansprache von Peter Beier an der Todesmauer in Auschwitz am 20.4.1993)

 

 

 

In diesem Sinne wenden wir unsere Gedanken Gott zu.

 

Kommt, lasst uns anbeten!

 

 

 

 

 

 

 

Sündenbekenntnis:

 

 

 

Gedenken heißt zunächst: sich erinnern an das, was war.

 

 

 

  • Am 1. September 1939 hatten deutsche Truppen die Grenze nach Polen überschritten. Der 2.Weltkrieg begann.

  • Am 22. Juni 1941 beginnt das Deutsche Reich den Krieg gegen die Sowjetunion.

  • Am 20. Januar 1942 wird in der „Wannseekonferenz“ die sog. „Endlösung der Judenfrage“ durch Deportation und Vernichtung beschlossen.

  • Am 6. Juni 1944, dem sog. „D-day“, wurde mit der Landung der Alliierten in der Normandie die Niederlage des Deutschen Reiches besiegelt.

  • Am 20. Juli 1944 schlug eines der Attentate auf Hitler fehl.

 

Dann kam das Jahr 1945:

 

  • Am 5. März erreichen amerikanische Truppen den Rhein.

  • Am 9. März wird die Stadt Bonn an die Amerikaner übergeben.

  • Am 12. März erobern die Amerikaner nach Gegenangriffen deutscher Panzer Bad Honnef.

  • Am 16. März stehen amerikanische Panzer in Aegidienberg

  • Am 17. März reicht der Amerikanische Brückenkopf von Linz bis Königswinter; die Brücke von Remagen bricht in 2 Teile und reißt 28 Menschen in den Tod.

  • In den Tagen vom 18. – 23. März werden die Ortschaften Dollendorf, Heisterbacherrott, Hoholz, Hennef, Stieldorf, Sankt Augustin und der Flugplatz Hangelar erobert.

  • Am 9. April gibt es schwere Kämpfe um Siegburg.

  • Ebenfalls am 9. April wird Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg hingerichtet.

  • Vom 10.-12.April gibt es verlustreiche Kämpfe um die Klöckner-Mannstaedt-Werke in Troisdorf und um Friedrich-Wilhelmshütte.

  • Am 30. April entzieht sich Hitler durch Selbstmord seiner Verantwortung.

  • Am 8. Mai wird die bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte unterzeichnet.

 

 

 

  • In diesem Krieg starben 55 Millionen Menschen einen gewaltsamen Tod.

  • Darunter waren 20 Millionen Menschen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion,

 

4,5 Millionen Menschen aus Polen,

 

4 Millionen Menschen aus Deutschland,

 

1,8 Millionen Menschen aus Japan,

 

1,7 Millionen Menschen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien

 

  • Mehr als 4 Millionen Menschen, die meisten von ihnen Juden, wurden in den Konzentrationslagern des NS-Regimes umgebracht.

 

 

 

Es waren Menschen, die es zu diesem Krieg kommen ließen, Menschen haben diesen Krieg begonnen, Menschen haben ihn von Land zu Land getragen. Menschen haben befohlen, Menschen haben gehorcht.

 

Menschen haben um richtig und falsch gerungen, Menschen sind schuldig geworden, Menschen haben Opfer gebracht und sind zu Opfern geworden.

 

Es war nicht Gottes Geist, der diesen Krieg gewollt hat. Doch auch in Schuld und Leid gibt Gott seine Menschen nicht verloren.

 

Darum bitten auch wir heute, 71 Jahre nach Kriegsende: Herr, erbarme Dich!

 

 

 

Gnadenspruch:

 

 

 

Jeder, der den 8.Mai 1945 bewusst erlebt hat, hat andere Erinnerungen. Eins ist ihnen gemeinsam: sie durften überleben.

 

Einige Menschen möchte ich beispielhaft zu Wort kommen lassen, Lebensgeschichten, die von Gottes Gnade zeugen:

 

  1. Befreit

 

Mit 19 Jahren war eine junge Frau aus ihrem polnischen Heimatdorf nach Troisdorf verschleppt worden. In einer Chemiefabrik hat sie bis zum Kriegsende 3 Jahre lang arbeiten müssen. Die junge Frau erlebte die Angriffe der Amerikaner auf Troisdorf mit Phosphorbomben. Sie beschreibt es als die Hölle. Am 11. April 45 fühlte sie sich befreit. In den nächsten Tagen begann man, die Zwangsarbeiterinnen nach Hause zu schicken.

 

  1. Niederlage

 

Ein 20-jähriger Marinenachrichtensoldat sieht in Bonn die weiße Fahne der Kapitulation. Er hatte als Deutscher für den Sieg gekämpft, die Kapitulation war etwas Unvorstellbares gewesen. Das Gefühl der Ohnmacht mischt sich mit dem Gefühl der Erleichterung, später kamen Gefühle von Scham, Schuld und Schande hinzu.

 

  1. Gerettet

 

Ein fünfzehnjähriger Junge hat 3 Jahre KZ überlebt. Sein Körper war am Ende, aber sein Geist wollte es überleben. Eines Morgens waren die Wachmannschaften einfach verschwunden. Alles stürmte zu den Speisekammern. Gerettet!

 

  1. Pragmatismus einer Mutter

 

Sie war die erste Frau, die in der Straße eine weiße Fahne raus hängte. Ein paar Wochen zuvor war ihr Sohn noch zu Besuch gewesen. Sie wollte, dass er sich bei ihr versteckte. Aber voll Pflichtgefühl war er in den Ruhrkessel zurückgekehrt um zu kämpfen. Jetzt ging es um das Überleben nach dem 8.Mai. Kohlen auftreiben, „fringsen“, von den Alliierten ergattern, was zum Überleben nötig war.

 

  1. Ende eines Alptraums

 

Jetzt war er zehn Jahre alt. Vor 8 Jahren war seine jüdische Mutter mit ihm nach Amsterdam geflohen. Die alliierten Kanadier wurden im Triumphzug willkommen geheißen. Es war ein Tag der Befreiung aus tausend Ängsten. Immer wieder kam der Gedanke in ihm durch: „Jetzt ist Friede. Du brauchst keine Angst mehr zu haben, Mutter ist zu Hause, sie kann auch nicht mehr weggeholt werden.“

 

  1. Neuanfang

 

Drei Tage vor Kriegsende war er 21 geworden. Er war im Kriegsgefangenenlager in Remagen. Seit 14 Tagen hatte es kaum etwas zu essen gegeben, sie hausten in Erdlöchern ohne Decken. Dann kamen GIs ins Lager „The German Army has surrendered.“ Alle Gefangenen waren erleichtert, ein sinnloser Krieg war zu Ende, man dachte an Neuanfang, Aufräumen, Aufbauen.

 

 

 

 

 

Jesus Christus spricht:

 

 

 

Den Frieden lasse ich euch,

 

meinen Frieden gebe ich euch.

 

Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.

 

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!

 

(Johannes 14,27)

 

 

 

Und so danken wir Gott den Frieden, in dem wir seit 71 Jahren leben dürfen!

 

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

 

 

 

 

Kollektengebet:

 

 

 

Gott!

 

  • Wir sind dankbar für 71 Jahre Frieden in unserem Land.

 

  • Wir sind dankbar für die Kraft und den Mut zum Wiederaufbau.

  • Wir sind dankbar für neues Vertrauen seitens unserer Nachbarn in Europa.

  • Wir sind dankbar für den Wohlstand, der aus dem Frieden und der Hilfe früherer Feinde wachsen konnte.

  • Wir sind dankbar für die Stärke, die es unserem Land ermöglicht, Menschen aufzunehmen, die heutzutage vor Krieg und Terror fliehen.

 

So bitten wir dich um dein gutes Wort, das uns den Frieden und die Vergebung lehrt.

 

Wir bitten dich um deinen Heiligen Geist, der uns als Volk vor Irrwegen zurückschrecken und Versöhnung unter den Völkern reifen lässt.

 

 

 

 

 

Wir bitten dich durch Jesus Christus,

 

der mit dir und dem Hl.Geist

 

die Menschheit zum Frieden führen will!

 

Amen.

 

 

 

Lesung: Micha 4,1-5

 

Das kommende Friedensreich Gottes

 

 

 

1 In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen,

 

 

 

2 und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.

 

 

 

3 Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

 

...

 

5 Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich!

 

 

 

 

 

Halleluja-Vers

 

 

 

Halleluja!

 

Die Hilfe des Herrn ist nahe denen, die ihn ehren, ...

 

dass Güte und Treue einander begegnen,

 

Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

 

Halleluja!

 

(Ps.85,10-11)

 

 

 

Predigt (Verlesung des Predigttextes später)

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Einer der für den heutigen Sonntag Exaudi vorgeschlagenen Predigttexte steht in Johannes 7, Vers 37-39. Er handelt vom Wasser, vom lebendigen Wasser.

 

Ein sprudelnder Bach fasziniert nicht nur Kinder. Wo kommt er her? Wo fließt er hin? Woher bekommt er unablässig Nachschub? – Geheimnisvoll, faszinierend!

 

Das Verweilen an einem Bach tut der menschlichen Seele gut. Das Plätschern beruhigt und nimmt uns hinein in die Schöpfungsmelodie von Werden und Vergehen, von Kommen und Gehen, und wird so zu einem Gleichnis für unser Leben, ohne dass uns das Angst macht.

 

Auf den ersten Blick hat all das wenig bis gar nichts mit dem heutigen Gedenktag zum Kriegsende zu tun. Und seinen Platz als vorgeschlagener Predigttext hat dieser Text sicher vor allem durch die Erwähnung des Hl. Geistes erhalten. Mal sehen, was uns dieser Text im Jahre 2016 zu sagen hat.

 

 

 

 

 

 

 

37 Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

 

38 Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

 

39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

 

 

 

Liebe Gemeinde, hier geht es um ein Fest.

 

Die Juden feiern es jedes Jahr und auch Jesus ist nach Jerusalem gekommen, um es zu feiern. Es ist Sukkoth, das Laubhüttenfest, nichts anderes als ein Erntedankfest. Nach der Wein- und Obstlese zieht man nach Jerusalem, errichtet dort bis in unsere Tage hinein aus Zweigen Hütten, in denen man 7 Tage lang übernachtet – man kann sich vorstellen: vor allem für die Kinder eine Riesen-Gaudi. So ist man der Natur besonders nahe und empfindet den segensreichen Kreislauf der Natur, die nun wieder auf die Regenzeit wartet, ganz hautnah.

 

Zum anderen vergegenwärtigt dieses Fest den Segen, mit dem Gott sein Volk während 40 Jahren Wüstenwanderung begleitet hat - ohne feste Bleibe, ohne festes Dach über dem Kopf. Da war Gottes Segen geflossen, von einem Tag zum andern, Wasser und Nahrung bekamen sie immer dann geschenkt, wenn sie meinten, es ginge nicht mehr weiter.

 

Bilder drängen sich in meinen Kopf aus unseren Tagen - von Flüchtlingsströmen aus Aleppo und anderen Ruinenstädten, Zeltstädten an der syrisch-türkischen Grenze, die kaum Sicherheit und wenig zu Essen bieten; Familien mit Kindern zu Fuß unterwegs nach Europa, Menschen am Rande der Erschöpfung. Wie sich die Bilder gleichen!

 

Meine Gedanken kehren zurück zur Zeit Jesu. Da war jene Wüstenwanderung des Volkes Israel inzwischen auch schon Jahrhunderte her. 40 Jahre Wüstenwanderung waren es gewesen, eine ganze Menschengeneration zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Umkehr an die Fleischtöpfe Ägyptens und Zukunft in einem verheißenen Land. 40 Jahre heimatlos, am Rande des Existenzminimums, Leben ohne jede Absicherung, Leben von der Hand in den Mund. Das ist Leben in der Wüste. Dass sie da bewahrt blieben, haben die Juden ihrem Gott nicht vergessen. Und noch Jahrhunderte, Jahrtausende später feiern sie dieses Laubhüttenfest als Dank für die Bewahrung in Wüstennot.

 

Der 8. Mai 1945 sieht Deutschland als Trümmerwüste. Viele deutsche Großstädte sind nichts als Trümmerwüsten. Monatelang leben die Menschen von der Hand in den Mund, jeden Tag Angst vor neuen Bomben, Städte in Schutt und Asche, einsturzgefährdete Häuser – ein Zurück gibt es nicht, vor Deutschland liegt eine ungewisse Zukunft. Trotzdem – es ist nicht alles Leben ausgelöscht, viele sind verschont geblieben.

 

Auch was danach kam, war nicht leicht.

 

Aber nach dem Wunder, diesen schrecklichen Krieg überlebt zu haben, kam das 2. Wunder, das allgemein „Wirtschaftswunder“ genannt wird. Für dasselbe Deutschland, das diesen Krieg begonnen hatte, kam nach 1945 der Einzug in ein neues Land, in das Land der Freiheit und der Demokratie, in ein Land des Friedens und des Wohlstandes, bildlich gesprochen ein Land, „wo Milch und Honig fließt“. Wo wäre Deutschland gelandet, wenn es hätte weiter ziehen können auf den Pfaden des 3. Reiches? Wo wären wir, wenn nicht menschlicher Größenwahn am 8. Mai 1945 hätte kapitulieren müssen? Ich mag mir das gar nicht vorstellen.

 

Viele, viele Menschen sind auf der Strecke in der Wüste zurück geblieben, die Geschwister Scholl und all die Widerstandskämpfer mit ihnen haben das gelobte Land nicht mehr sehen dürfen, obwohl sie wirkliche Führer gewesen sind, die Deutschland einen besseren Weg führen wollten als jener Verführer, der sich „Führer“ nennen ließ. Und einer wie Dietrich Bonhoeffer durfte so kurz vor der Grenze des 8. Mais das gelobte Land ebenso wenig betreten wie einst Mose auf dem Berg Nebo kurz vor Jericho.

 

Ja, die Wüste von 12 Jahren brauner Diktatur seit der „Machtergreifung“ Hitlers hat schlimme Spuren in fast jeder Familie hinterlassen, vor allem in den Familien unserer jüdischen Mitbürger und anderer Opfer des Regimes. Spuren blieben aber auch in unendlich vielen einzelnen Lebensschicksalen von Menschen, die diesen Krieg erlitten haben. Und auch diejenigen, für die am 8. Mai 1945 der Krieg noch nicht zu Ende war, dürfen wir nicht vergessen: Die verschleppten Kriegsgefangenen, die Vertriebenen, die deportierten und zur Zwangsarbeit gezwungenen Russlanddeutschen, die vom DDR-Regime Verfolgten – ja, dieser Krieg hat viel Wüste über das Leben der Menschen gebracht.

 

Am 8. Mai 45 stand Deutschland an der Grenze in ein neues Land. Damals wusste keiner, was das für ein Land sein würde, in das Deutschland nach 45 gehen würde. Heute, 71 Jahre später, kennen wir dieses Land besser.

 

Ein Schlaraffenland ist es nicht. Das war Palästina damals auch nicht. Aber die Juden wussten noch Jahrhunderte später, was sie ihrem Gott zu verdanken hatten.

 

Wir sollten es auch nicht vergessen.

 

 

 

Doch kehren wir zurück zum Laubhüttenfest in Jerusalem.

 

Am achten und letzten Tag des Laubhüttenfestes ist sein Höhepunkt. Da wird Gottes Wort gefeiert.

 

Denn noch wichtiger als das beständige Fließen mit lebensnotwendigen Gütern ist das unaufhörliche Fließen des Wortes Gottes. Denn Gottes Wort hat die Welt geschaffen, Gottes Wort ruft alles hervor, was ist. Gottes Wort hält die Welt in Gang und ohne Gottes Wort würde die Welt versiegen und verdorren wie ein trockenes Bachbett in der Trockenzeit.

 

Gottes Wort macht die Welt lebendig und deshalb wird am 8. Tag des Laubhüttenfestes aus der unterirdischen Siloah-Quelle Wasser in großen Krügen emporgetragen und neben dem großen Wasserbecken im Vorhof des Tempels bereitgestellt. Und dann wird aus der Thora, dem Heiligen Buch der Juden, das wir als die „5 Bücher Mose“ kennen, vorgelesen. Und während die Erzählung über Mose verlesen wird, der in der Wüste mit dem Stab gegen den Felsen schlug, so dass eine sprudelnde Quelle hervorbrach, gießt der Hohepriester das Opferwasser in das große Becken. Das sollte ein Dank sein für den Früh- und den Spätregen und die ganze Ernte; das sollte aber zugleich auch die Bitte für das im kommenden Jahr nötige Lebenswasser sein.

 

Und wo blieb die Bibel in der Zeit des „Dritten Reiches“?

 

Die Bibel ist nicht untergegangen. Sie war Trost und Hilfe und Wegweisung für viele, viele Christen in Wüstennot. Aber Gottes Wort hatte es schwer, die Menschen zu erreichen.

 

Die Seligpreisungen zum Beispiel: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“1 So übersetzt Luther.

 

Der von Hitler eingesetzte Reichsbischof Ludwig Müller übersetzte ins Nazi-Deutsch: „Wohl dem, der allzeit gute Kameradschaft hält. Er wird in der Welt zurecht kommen.“

 

Und was bei Luther heißt: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“2

 

Das hieß in der Übertragung von Reichsbischof Müller: „Wohl denen, die mit ihren Volksgenossen Frieden halten, sie tun den Willen Gottes.“

 

Und wo Jesus sagt: „Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt“3, da heißt es in der Nazi-Bibel „Ihr müsst Gottes Ehre, eures Volkes Ehre und eure eigene Ehre so hoch- und heilighalten, dass ihr nicht bei jeder Kleinigkeit schwört“.

 

 

 

Trotzdem hat sich Gottes Wort Gehör verschafft. Mal ist es ins stille Kämmerlein ausgewichen, mal ist es kraftvoll von den Kanzeln der Bekennenden Kirche verkündigt worden4, mal wurde es durch die Gitterstäbe der Gefängniszellen herausgerufen5.

 

Ohne Gottes Wort wäre die Kirche Jesu Christi eingegangen und völlig vertrocknet.

 

Für uns Christen ist das Ende des Krieges also ein Grund, dankbar Gottes Wort zu feiern, das auch in der Wüstenzeit des Nationalsozialismus nicht aufgehört hat zu fließen, zu tragen und zu erquicken.

 

 

 

Und noch einmal kehre ich zum Laubhüttenfest in Jerusalem zurück.

 

Denn mitten in die festliche Zeremonie im Tempelvorhof platzt ein Mann herein: Jesus von Nazareth. Er rüttelt die feiernde Gemeinde auf mit den Worten:„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

 

Unerhört für den jüdischen Glauben, dass da einer aufsteht und behauptet: nicht die Thora, nicht die Mose-Bücher seien die Leben spendende Quelle Gottes, sondern er, dieser Mensch Jesus von Nazareth, er sei es, von dem lebendiges Wasser ausgehe. Alles, wonach die Menschheit dürstet, bei Jesus sei aller Durst zu stillen.

 

Und ein Mensch, der bei diesem Jesus Wasser des Lebens gekostet hat, der wird aufblühen wie fruchtbares Land, das bewässert wird. Er wird aufblühen und selber zu einem Strom lebendigen Wassers werden und die Früchte des Heiligen Geistes werden aus seinem Leben wachsen: Gerechtigkeit und Liebe, Vergebung und Freiheit, Sinn des Lebens und Glück, Versöhnung mit Gott und den Menschen – all dies wird der Heilige Geist in denen wachsen lassen, die bei Jesus vom Wasser des Lebens getrunken haben.

 

Wasser des Lebens – das Volk Israel hat solches Wasser auch in der Dürre der Wüste gefunden. Vor mehr als 71 Jahren befand sich Deutschland und mit uns die ganze Welt in einer Wüste aus Hass und Verblendung, einer Wüste aus Krieg und Menschenverachtung. Es war eine Durststrecke und viele haben in der Wüste des „Dritten Reichs“ kein Wasser des Lebens gefunden. Viele haben sich auch anderen Durstlöschern zugewandt. Die Deutschreligion, das Versprechen von neuer Größe in einem vereinten Reich, der Gedanke von Volk, Führer und Vaterland – all das waren Getränke, nach denen viele Menschen gerne griffen. Das waren Getränke zu vergleichen einem süßen und verführerisch schmeckenden Limonadengetränk, das doch so klebrig war, dass man davon nicht wieder los kam, zugleich aber so schädlich, dass es Leib und Seele der Menschen zerfraß, die davon getrunken hatten. [Ähnlichkeiten zu real existierenden Getränken sind rein zufällig]. Die Propaganda des Nationalsozialismus, die verführerischen Versprechungen von Vollbeschäftigung, das Gerede um Ehre und Treue, das System von Denunziation und Bespitzelung – das war ein Mixgetränk, dessen Gefährlichkeit den meisten erst viel zu spät bewusst wurde.

 

Wie klar und rein dem gegenüber doch das Wasser des Lebens ist, das von Jesus Christus ausgeht!

 

Bereits 1934 haben Bekennende Christen in Wuppertal-Barmen auf Jesus Christus als der einen Quelle des Lebens hingewiesen und vor anderen „Durstlöschern“ gewarnt:

 

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“6. Und an anderer Stelle heißt es: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären“7.

 

Ja, im “Dritten Reich“ haben sich viele verführen lassen.

 

Wir heute, 71 Jahre danach, sollten um so klarer erkennen können, wo Wasser des Lebens zu finden ist: bei Jesus.

 

Auch in unseren Tagen blickt mancher sorgenvoll in die Zukunft. Es scheint, als würden sich neue Wüsten ausbreiten:

 

Wird sich der islamistische Terror auch bei uns ausbreiten? Werden die vielen Fremden, die bei uns Schutz und Aufnahme suchen, unser Land verändern und den sozialen Frieden in Deutschland bedrohen? Wird das Europa, an dem wir seit 71 Jahren als Erwiderung auf das sog. „Dritte Reich“ bauen - wird dieses Europa als Ort von Frieden, Freiheit und Demokratie Bestand haben und die aktuellen Herausforderungen gemeinsam meistern können?

 

In all diesen Wüsten, auf die wir vielleicht zusteuern, sollten wir nicht vergessen, dass es bei Jesus Christus Wasser des Lebens gibt. Im Glauben werden wir stark und fruchtbar und können so manches Wüstenstück um uns herum bewässern. Im Glauben umspült uns gleichsam der Heilige Geist. Und da bleibt kein Fuß stehen, da kommen wir selber ins Fließen. Und so verströmen sich Christen in Liebe und Verständnis, in Seelsorge und Anteilnahme, in Vertrauen und Hilfsbereitschaft, in Vergebung und Versöhnung. Und mancher, dem wir begegnen, lässt sich begeistern und mitreißen vom Wasser des Lebens, das uns dem Reich Gottes zu treibt.

 

Doch wir wissen: so einfach, wie es klingt, ist es nun doch nicht: der Strom des Lebens bietet so manche Untiefe, auf der man stranden, so manche Verschmutzung, in der man versinken kann. Ja, auch wir Christen sind immer wieder von anderem, Schmutzigem durchströmt, wir lassen uns in bequemes seichtes Wasser treiben und stranden in den Untiefen des Alltags und unserer eigenen Menschlichkeit. Ja, Luther hat Recht: wir sind Sünder und Gerechte zugleich. Das soll uns vor Überheblichkeit und Leichtsinn bewahren.

 

Aber es soll uns nicht abhalten, vom Wasser des Lebens zu trinken und selbst Wasser des Lebens zu verströmen.

 

Vor allem aber sollten wir Europäer die Wüstenzeit nicht vergessen, die wir hinter uns haben.

 

Das Volk Israel hat noch Jahrhunderte später gewusst, wem es für die Bewahrung in Wüstenzeiten zu danken hatte.

 

Für uns könnte der 8. Mai das Datum sein, welches das Ende einer schrecklichen Wüstenzeit für unser Land und für die ganze Welt markiert.

 

Ich sage: Ich bin dankbar für das Ende jener Wüste. Ich bin dankbar, dass meine Eltern, die in Pommern und Ostpreußen gebürtig waren, hier im Rheinland ein neues Land gefunden haben. Ich bin dankbar, dass Jesus auch für Europas Zukunft eine Quelle lebendigen Wassers sein will.

 

Amen.

 

 

 

Fürbittengebet:

 

 

 

Ich möchte beten mit den Worten der Versöhnungslitanei aus Coventry.

 

In der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 zerstörte ein deutscher Bombenangriff die englische Stadt Coventry mitsamt ihrer Kathedrale.

 

Nach dem Krieg wurde Coventry zum Ausgangspunkt einer weltweiten Versöhnungsbewegung.

 

Die Ruine der Kathedrale wurde zum Begegnungszentrum. Hier wird jeden Freitag Mittag die 1959 formulierte Versöhnungslitanei gebetet.

 

 

 

[EG 879]

 

 

 

(Die Gemeinde spricht die eingerückten Worte)

 

 

 

 

 

8.5.1945

 

30.4.1945

 

10.-12.4.1945

 

9.4.1945

 

18.-23.3.1945

 

17.3.1945

 

16.3.1945

 

12.3.1945

 

9.3.1945

 

5.3.1945

 

20.7.1944

 

6.6.1944

 

 

 

20.1.1942

 

22.6.1941

 

1.9.1939

 

1 Matthäus 5, 5

 

2 Matthäus 5, 9

 

3 Matthäus 5, 34

 

4z.B. Martin Niemöller, Begründer des „Pfarrernotbundes“

 

5 z.B. Paul Schneider, der „Prediger von Buchenwald“, hingerichtet am 18.7.1939

 

6 1. Barmer These

 

7 Verwerfungssatz zur 2. Barmer These

 

Gottesdienste

22. November, 19:00 Uhr:

Ökomenischer Gottesdienst am Buß- und Bettag

gehalten von Pfarrer Falk und Gemeindereferent Alenfelder mit anschließendem gemütlichen Beisammensein

in der katholischen Kirche Sankt Anna

26. November 10:00 Uhr:

Gottesdienst mit Abendmahl am Ewigkeitssonntag

gehalten von Pfarrer Falk

mit Kindergottesdienst

26. November 15:00 Uhr:

Andacht auf dem Friedhof

gehalten von Pfarrer Falk

Foto: Twicepix (flickr)
Foto: Twicepix (flickr)

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