Predigt am 26.5.2013 (Trinitatis)

gehalten in Hangelar

über Jesaja 6, 1-13

(Predigtreihe III)

von Pfarrer Hans-Georg Falk

"Zum Propheten berufen"

Liebe Gemeinde!

Trinitatis ist der verständliche aber eigentlich aussichtslose Versuch des Christentums, ein Stück weit das Geheimnis Gottes zu lüften. Alle drei monotheistischen Religionen haben ihren eigenen Weg gesucht, um den einen Gott, an den sie glauben, mit ihrem Verstand zu ergründen und so zu verstehen, wer er ist und wie er ist.

Der Islam versucht es, indem er Gott 99 Namen gibt. Im Judentum wird der Gottesname Jahwe aus Ehrerbietung nicht in den Mund genommen und stattdessen Umschreibungen wie „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ verwendet.

Und das Christentum versucht, das Geheimnis um Gottes We-sen und Sein mit der Lehre von der Dreieinigkeit zu beschreiben.

Die Predigttexte, die dem Trinitatissonntag zugeordnet sind, handeln nicht alle von der Dreieinigkeit Gottes. Aber es sind allesamt Texte, die Gottes Herrlichkeit und Heiligkeit hervor-heben und dadurch versuchen, ein Stück des göttlichen Wesens und Seins zu beschreiben.

Und so möchte ich Sie heute einladen, die Trinität mal einen Augenblick lang dem Neuen Testament zu überlassen und einen Blick zurück zu werfen auf einen Prophetentext, der uns eine Vision über Gottes Sein und Wollen vor Augen stellt.

Ich lese uns die Berufungsvision des Propheten Jesaja aus Jesaja 6, Vers 1-13:

1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel.

2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie.

3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!

4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus ward voll Rauch.

5 Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin un-reiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.

6 Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühen-de Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm,

7 und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.

8 Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!

9 Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Hö-ret und verstehet's nicht; sehet und merket's nicht!

10 Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.

11 Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt.

12 Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, so dass das Land sehr verlassen sein wird.

13 Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

 

Liebe Gemeinde, „Was ist ein Prophet?“

Wenn wir diese Frage den Menschen unserer Tage stellen, würden sie wahrscheinlich antworten: „Das ist einer, der in die Zukunft blicken und Dinge vorhersagen kann.“ Da ist ein bisschen Wahrheit dran, aber die Antwort stimmt nicht ganz; denn einer, der in die Zukunft blicken und Dinge voraussagen kann, das wäre ein „Wahrsager“. Nicht unbedingt ein Prophet.

Aber diese Antwort gibt einen Eindruck davon, was sich die Menschen aller Zeiten gewünscht haben: einen, der die übernatürliche Begabung besitzt, in die Zukunft zu blicken und Dinge vorherzusagen, die uns Sorgen bereiten: Wie entwickelt sich der DAX? Gehen die Aktienkurse nach oben oder unten? Wie sind die Lottozahlen in der nächsten Ziehung? Die Menschen aller Zeiten hatten Sehnsucht nach Menschen, die die Zukunft „durch-schauen“ – das erhoffen wir von Politikern und wenn die das nicht leisten können, erhoffen wir’s wenigstens von den „Wetterpropheten“. Und an den Stammtischen hat sich mancher schon selbst den Prophetenmantel umgehängt, weil er’s immer schon gewusst hatte, wie’s dann gekommen ist.

Zugegeben: auch in die biblischen Prophetenbücher haben nur diejenigen Einlass gefunden, deren Voraussagen auch irgend-wie eingetroffen sind. Und das hat einen ganz konkreten Grund: in den Nachbarländern Juda und Israel tummelten sich im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt eine ganze Reihe von Sehern, Priestern und Menschen, die sich Propheten nannten. Und je näher man ans Zentrum der Macht, sprich: an den Königshof oder an den Tempelbezirk kam, desto lukrativer wurde es, sich „Prophet“ zu nennen.

Das hatte schon Jasajas Prophetenkollege Micha erleben müssen, der 100 Jahre zuvor im Nordreich Israels auftrat und gegen eine Schar von 400 falschen Propheten auf verlorenem Posten stand. Die hatten sich am Königshof eingenistet und redeten dem König Ahab nach dem Mund. Jene 400 setzten sich gegen Micha durch und der König zog in den Untergang .

Aber das entscheidende Kriterium für einen Propheten ist nicht, ob sich seine Prophezeihung erfüllt, sondern, dass er einen Auftrag von Gott erhalten hat, den er treu und unbeirrbar ausführt. Und so gibt unser Predigttext eine sehr schöne Antwort auf die Frage: „Was ist ein Prophet?“ Bei Jesaja lernen wir:

Ein Prophet ist einer, der auf Gottes Frage „Wen soll ich senden?“ die Antwort gibt: „Hier bin ich, sende mich!“

Wie alle Propheten lebte auch Jesaja nicht im luftleeren Raum. Vers 1 unseres Textes datiert sein Berufungserlebnis auf das Todesjahr des Königs Usia. Mit Usias Tod geht für das Süd-reich Juda eine 52 Jahre andauernde Zeit des Friedens und Wohlstands zu Ende; diese Zeit hatte Usia allerdings nicht dazu genutzt, Recht und inneren Frieden in seinem Land zu stärken. Stattdessen hatte er die Zeit genutzt, um Gebiete hinzuzugewinnen, Jerusalem zu befestigen und sein Heer aufzurüsten. Gottes Hilfe wurde als selbstverständlich angesehen und in einem Anflug von Überheblichkeit maßte sich Usia priesterliche Rechte an, wurde mit Aussatz gestraft, verlor seine Königskrone und musste den Rest seiner Tage in Abgeschiedenheit verbringen .

In diesem Umfeld wächst Jesaja auf, er selbst gehört zur Ober-schicht in Jerusalem und hat Einblick in die politischen Ereignisse seiner Heimatstadt. Aber er ist kein Stammtischbruder und Besserwisser, sondern er erkennt, dass er Teil des Systems ist, er gehört zum Filz, der sich ausgebreitet hat, er erkennt seine Verstrickung, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint „Weh mir … ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen…“.

Doch dann kommt es zu jener denkwürdigen Begegnung mit Gott, die sein Leben verändert und die uns zugleich so viel über das Wesen Gottes erzählt.

Ich möchte diesem Ereignis in drei Abschnitten nachgehen.

1. die Vision – 2. die Berufung – 3. der Auftrag

 

1. Am Anfang steht die Vision.

Es ist ein Traumbild wie aus Kindertagen – und es hat Generationen von Gläubigen in ihrem Gottesbild geprägt:

Gott sitzt als König auf einem hohen Thron und der Saum seines Gewandes reicht bis zur Erde und hinein in den Tem-pel. Über ihm die Serafim mit 6 Flügeln, halb Tier, halb En-gel. Und die Erde bebt von ihrem Gotteslob und Weihrauch füllt das Haus. Die Menschen haben versucht, diese Atmo-sphäre in ihren Kathedralen einzufangen. Und in ihrem Lobgesang verkünden sie Gottes Heiligkeit „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“

Lange Zeit hat man solche Visionen als „Blick in den Himmel“ verstanden und ein derartiges Szenario mit Gott auf Thron und singenden Engeln als eine reale Wirklichkeit ir-gendwo im Weltraum vermutet. Ich glaube, die meisten Christen ahnen heute, dass Gott nicht in menschenähnlicher Gestalt irgendwo im Weltall, umgeben von Flügelwesen re-sidiert, sondern dass er mitten unter uns und in uns und in anderen Menschen lebt und dass wir ihm da in bestimmten Momenten begegnen könen. Und wir werden dann genau so überwältigt sein wie einst Jesaja und in sein Staunen über diesen Gott einstimmen „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“

In solchen Momenten erkennen wir Gott in seiner überwältigenden Größe, wir erkennen ihn als die Liebe, wir erkennen ihn als den Urheber allen Lebens, wir erkennen ihn als Freund und Bruder unter uns, wir erkennen ihn als den Hilfsbedürftigen, dem wir ein „Nächster“ sein dürfen, wir erkennen ihn als den Gott des Friedens und der Vergebung, wir erkennen ihn als unsere Zuversicht und Stärke, wir erkennen ihn als Vater und zugleich als den Herrn unseres Lebens. Wir erkennen ihn als Gegenüber und als den, der entscheidet, ob unser Tun richtig oder falsch ist. Mit einem Wort: wir erkennen Gott als „Du“, von dem wir alles haben und in dessen Hand wir mit allem, was uns umgibt, geborgen sind. Und dann bekennen wir unseren Glauben, vielleicht stammelnd, vielleicht schweigend, vielleicht aber auch klar und deutlich mit Worten, die schöner sind als die von Apostolikum und Nicänum und Athanasianum zusammen. Dann haben wir etwas Überwältigendes von Gott erkannt, weil er uns begegnet ist.

Und wenn unser Herz dann überquillt wie einst dem Jesaja „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“, dann sind wir Teil dieser Vision, sind überwältigt von Gott und haben uns in himmlische Sphären aufgeschwungen, ohne dass sich unser Körper auch nur vom Fleck bewegt hätte.

Eine Vision hat einst dem Jesaja den Himmel geöffnet. Und auch uns will sie Anteil geben an seiner Begegnung mit der Herrlichkeit Gottes.

 

2. Auf die Vision folgt zweitens die Berufung.

Die Vision bewirkt bei Jesaja eine radikale Wandlung. Ich sage: die Begegnung mit Gott, wo und wie sie auch immer geschieht – bewirkt in unserem Leben den Wandel. Aus Jesaja, dem gut situierten Bürger der Jerusalemer Oberschicht, wird der Prophet. Er hört Seraphim, Engel, Boten Gottes, die ihm etwas flüstern: deine Schuld ist von dir genommen, deine Sünde vergeben. „Wo Vergebung der Sünde ist, da ist auch Leben und Seligkeit“, sagt Martin Luther im Kleinen Ka-techismus . Denn da ist auch Annahme unseres Lebens in aller Fehlerhaftigkeit und Mittelmäßigkeit, da ist Hinwendung zum Mitmenschen in wirklicher Nächstenliebe, da ist Erkennen und Wahrnehmen von Verantwortung in Beruf und Gesellschaft.

Diese Botschaft vom Segen göttlicher Vergebung ist uns als erfahrenen Christen nicht neu. Aber nur, wenn Gott sie neu in unser Herz hinein gibt, nur dann hat sie die Kraft unser Leben zu verwandeln.

 

3. Aus der Berufung ergibt sich ein Drittes: der Auftrag.

Wo Gottes Vergebung einen Menschen frei macht von den unguten Verstrickungen der Vergangenheit, da eröffnet sich ein weiter Raum für das, was Menschen im Auftrag Gottes tun können.

Bei Jesaja war es ein heikler Auftrag: Er soll das Bild, das die Menschen sich von Gott gemacht haben, gerade rücken. Gott galt am Hof als der große Ja-Sager, gleichsam der schweigende Boss im Hintergrund, der anscheinend all das absegnete, was am Königshof beschlossen wurde. Einer, der stets „Ja und Amen“ sagte.

Genau da will Gott wiedersprechen. Genau da braucht es einen wie Jesaja, der Gottes Anspruch auf Durchsetzung seines Willens zu Gehör bringt. Gott will sich nicht auf einen Gottes-dienstraum einengen lassen, sondern erhebt Anspruch auf Ge-hör in allen Bereichen der Gesellschaft und der Politik. Man mag ja der Kirche zu Recht vorhalten, dass sie sich nicht zu sehr in die Tagespolitik einmischen soll. Nur: Gott will sich einmischen. Er ist permanent der Kritiker von Mächtigen, die ihre Macht missbrauchen. Er ist permanent derjenige, der Frie-den und Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit einfordert.

Jesajas Vision scheint Gott auf den ersten Blick in himmlische Sphären zu entrücken. Völlig falsch gesehen: Er holt sich einen wie Jesaja und macht ihn zum Propheten, das zeigt uns: Gott will den Menschen auf die Pelle rücken! Dreimal heilig wird Gott nicht deshalb genannt, weil er sich in den Himmel entrückt, sondern weil er ins Weltgeschehen eingreift, weil er „geschichtsmächtig“ ist. Und so entthront Gott mit der Hilfe von Prophetenmund diejenigen, die sich als die Herren der Welt fühlen, die sich ihren eigenen Himmel bauen und dabei den Rest der Welt zur Hölle verkommen lassen.

Allerdings: Wer hört schon auf Propheten?

Noch zu seinen Lebzeiten geht das Nordreich Israel zugrunde, Juda geht es nicht viel besser. Aber Gottes Warnungen, die er aussprach, verhallten. Das nennt die Bibel „Verstockung“ – die Mächtigen seines Volkes waren in der Eigendynamik ihrer Politik so verstrickt, dass sie keinen Ausweg sehen und auch keinen suchten. Wem Gott in guten Zeiten gleichgültig geworden ist, der wird ihn in schlechten Zeiten kaum finden.

Wer aber voller Ergriffenheit Gott in unserer Welt sieht oder seine Gegenwart gar im eigenen Leben spürt, der wird auch ein offenes Ohr haben für diejenigen, die Gottes Willen zu Gehör bringen, auch wenn das was sie sagen gegen den Trend des Zeitgeistes geht. Prophetie war damals wie heute keine Zu-kunftsvorhersage und keine Wahrsagerei. Prophetie ist immer eine Beurteilung der Gegenwart im Blick auf Gottes Willen und vor dem Horizont dessen, was Gott noch mit dieser Welt vor hat. Es gehört zur Aufgabe einer Kirche und jedes einzelnen Christen, ein prophetisches Amt in dieser Welt auszuüben, nicht um sich besserwisserisch und in frommer Überheblichkeit anderen Menschen überlegen zu fühlen, sondern um in Gottes Namen dem Leben zu dienen und dem, was Leben zerstört zu widerstehen.

Trinitatis – das Fest des dreimal heiligen Gottes.

Möge er sich uns zu erkennen geben!

Mögen wir seine Berufung vernehmen!

Möge er nicht aufhören, in das, was Menschen verderben, einen „heiligen Samen“ zu legen.

Amen.

 

Gottesdienste

22. November, 19:00 Uhr:

Ökomenischer Gottesdienst am Buß- und Bettag

gehalten von Pfarrer Falk und Gemeindereferent Alenfelder mit anschließendem gemütlichen Beisammensein

in der katholischen Kirche Sankt Anna

26. November 10:00 Uhr:

Gottesdienst mit Abendmahl am Ewigkeitssonntag

gehalten von Pfarrer Falk

mit Kindergottesdienst

26. November 15:00 Uhr:

Andacht auf dem Friedhof

gehalten von Pfarrer Falk

Foto: Twicepix (flickr)
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