Der Zugang zur Bibel im jüdischen Verständnis

Von Kristin Ritsert

 

Im jüdischen Verständnis bereichert die Torah, die fünf Bücher Mose, das tägliche Leben der Menschen. Man möchte gerne Gott als den Schöpfer der Welt und der Menschen im alltäglichen Leben sichtbar machen.

 

Torah kommt von dem hebräischen Verb j-r-h, (hebräisch wird ursprünglich ohne Vokale geschrieben, daher das merkwürdige Schriftbild) das als jarah ausgesprochen wird. Es bedeutet lehren, den Finger ausstrecken, um den Weg zu weisen und nicht Gesetz wie die Torah oft fälschlich genannt wird. Deswegen nennen Buber und Rosenzweig ihre Bibelübersetzung die fünf Bücher der Weisung.

 

Die Torah ist die göttliche Basis für das menschliche Leben. Gott hat sie am Sinai den Menschen übergeben, damit sie sich als Gemeinschaft organisieren können. Eine Gemein-schaft braucht, wie der Körper ein Skelett, Regeln, um jeden Einzelnen zu seinem Recht kommen zu lassen, und sie braucht Inspiration und Glauben, damit die Seele genährt wird. Körper und Seele sollen sich entwickeln können. Zu beidem verhilft die Torah.

 

Der jüdischen Vorstellung nach ist die Torah aus dem Himmel. Gott hat sie am Sinai in die Hand der Menschen gegeben. Der Mensch hat jetzt die Verantwortung für sich und Gottes Welt. Daraus hat sich entwickelt, dass es im Judentum keine göttliche Lehrautorität gibt. Niemand kann sich auf eine göttliche Stimme berufen, damit sein Standpunkt ein größeres Gewicht bekommt.

 

Es gibt aber auch keine menschliche Lehrautorität. Alles wird mit Mehrheit an Stimmen entschieden. Allerdings werden Minder-heitsansichten nicht gelöscht, sondern mit überliefert, um nachfolgenden Generationen die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen, neuen Lebenssituationen an der Torah und allen, eben auch gegensätzlich, überlieferten Standpunkten zu spiegeln, um ihre eigenen Ansichten zu formen.

 

Die Überlieferungen bis tausend nach unserer Zeitrechnung sind in den Talmudim schriftlich fest-gehalten worden. Talmud kommt von dem hebräischen Verb l-m-d, lamad, was einüben, lernen bedeutet.

Es gibt den babylonischen Talmud, der in und nach der babylonischen Gefangenschaft (ab dem 6. Jh. vor unserer Zeitrechnung) entstanden ist, und es gibt den Jerusalemer Talmud, der sich unter Menschen, die im Land Israel geblieben waren entwickelt hat. Der schriftlichen Niederlegung (500 nach unserer Zeitrechnung) gingen tausend Jahre mündliche Überlieferung voraus. Man hat immer sehr viel auswendig gelernt.

 

Wenn es sogar für trainierte Köpfe zu viel wurde, hat man sich entschlossen es aufzuschreiben. So hat man mit der Mischna, von sch-n-h, schana, was zum zweiten Mal, Wiederholung bedeutet, angefangen. Sie ist ein Kommentar zur Torah und bildet die Basis der Talmudim. Um die Mischna ranken sich andere, jüngere Kommentare. Eine Talmudseite sieht ein bisschen wie eine eckige Zwiebel aus. In der Mitte ist ein Stückchen Mischna, um das sich die anderen Kommentare zu diesem Stückchen legen, wie die Häute bei einer Zwiebel. Die Kommentare bestehen aus Diskussionen, wie man das alltägliche Leben miteinander und im Licht der Torah am besten regeln kann, und sie bestehen aus Geschichten.

 

In der jüdischen Tradition erzählt man als Antwort auf eine Frage oder ein Problem oft eine Geschichte, einen Midrasch. Midrasch kommt von d-r-sch, darasch, was suchen, forschen bedeutet. Es sind sehr plastische Geschichten, in denen, vergleichbar den Märchen, physikalische Grenzen aufgehoben sind, Gegenstände bewegen sich von einem Ort zum nächsten, Menschen bewegen sich durch die Zeiten und sprechen mit vorigen oder zukünftigen Generationen, Gott ist ganz nah, man spricht mit ihm und er antwortet, man streitet sich mit ihm, und er ist froh darum. Mit dieser Methode möchte man jeweils bestimmte Aspekte von Auslegungen eingängig darstellen, sie sollen von der Seele nachvollzogen werden können.

 

All diese fremdartigen, hebräischen Begriffe haben nur eines im Sinn, einen lebendigen Austausch mit der Torah. Das fängt eigentlich schon mit den Büchern an, die nach der Torah kommen, und die wir zusammen mit der Torah als Altes Testament kennen. Denen folgen die Bücher, die das Neue Testament bilden und aus einer viel späteren Zeit stammen. Sie alle sind Kommentare auf die Torah.

 

Nach jüdischer Auffassung wird ein Bibeltext erst lebendig, wenn er mit den überlieferten Traditionen und dem Leben der Leser oder Zuhörer konfrontiert wird, und umgekehrt entwickelt sich Leben nur weiter, verschieben sich Grenzen, wenn durch die Bibel und die Tradition die völlig normale, eingeschränkte Sichtweise des Einzelnen erweitert werden kann. Die Bibel löst in jedem andere Erfahrungen aus, jeder liest sie anders, ja, es geschieht, dass man denselben Text in den eigenen, verschiedenen Lebensphasen mit anderen Augen sieht, weil man sich selbst ändert.

Biblische Texte haben sich sprachlich durch lange mündliche Überlieferung zu einem Konzentrat kristallisiert, wie Kohlenstoff, der zu Diamanten gepresst wird.

 

In der jüdischen Tradition werden biblische Texte mit geschliffenen Diamanten verglichen. Schaut man auf einer Seite hinein, sieht man, wie in einem Kaleidoskop, eine bestimmte Anordnung von Formen und Farben. Schaut man auf einer anderen Seite hindurch, ändert sich die Anordnung und ergibt ein völlig neues Bild, auf einer dritten, vierten und fünften Seite hat man jedes mal wieder eine andere Perspektive.

 

Der Talmud sieht sogar die Möglichkeit, einem biblischen Text siebzig Bedeutungen abzugewinnen. Siebzig ist die symbolische Zahl für das Unendliche, das heißt man kann niemals nur eine Wahrheit finden, die alle anderen ausschließt und End-gültig ist.

 

Rabbi Efraim von Sadylkov, der in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts in Osteuropa lebte, sagt, dass die Torah erst durch die Auslegungen der Menschen zur Torah wird: Bis die Weisen sie interpretieren ist die Torah nicht vollständig, sondern nur ein halbes Buch; erst durch die Auslegungen wird sie zu einem vollständigen Buch, denn die Torah wird in jeder Generation nach den Nöten und Sorgen gerade dieser Generation gedeutet, und Gott erleuchtet die Augen der Weisen, dass sie in der Torah gerade das finden, was ihnen in ihrer Situation hilft.

 

Nur wenn sie ausgelegt wird, wenn man sich mit ihr beschäftigt, wird die Torah zur Torah. Wir haben den schriftlichen Text, der sich nicht verändert, aber durch die Auslegungstradition befindet er sich in einem fortlaufenden Offenbarungsprozess, in einem lebendigen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Torah wird ohne die Lebenswirklichkeit von Menschen zu einer Masse antiquierter Buchstaben und Menschen ohne die Quelle der Torah werden zu Gefangenen ihrer eingeschränkten, menschlichen Sichtweise. Deswegen bezeichnet man neben der schriftlichen Torah, den fünf Büchern Mose, auch die mündliche Überlieferung als Torah.

Gottesdienste

22. November, 19:00 Uhr:

Ökomenischer Gottesdienst am Buß- und Bettag

gehalten von Pfarrer Falk und Gemeindereferent Alenfelder mit anschließendem gemütlichen Beisammensein

in der katholischen Kirche Sankt Anna

26. November 10:00 Uhr:

Gottesdienst mit Abendmahl am Ewigkeitssonntag

gehalten von Pfarrer Falk

mit Kindergottesdienst

26. November 15:00 Uhr:

Andacht auf dem Friedhof

gehalten von Pfarrer Falk

Foto: Twicepix (flickr)
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